Becker-Lob für das Tennis, Zverevs Saison und die NextGen, aber Sorgen um Djokovic und deutschen Nachwuchs | Exklusive Zitate aus dem Eurosport-Podcast "Das Gelbe vom Ball"
- Becker: “So viel kann ich momentan im Tennis gar nicht kritisieren”
- Becker: “Zverev hat seine Weltklasseleistung jetzt etabliert”
- Becker: “Die jungen Spieler werden langsam zu Persönlichkeiten”
- Becker: “Novak wirkt emotional noch sehr angegriffen”
- Becker: “Mache mir Sorgen um den deutschen Nachwuchs”
27. Oktober 2021 - Im Eurosport-Podcast "Das Gelbe vom Ball" analysiert Boris Becker gemeinsam mit Matthias Stach die ausklingende Tennis-Saison. Der Eurosport-Experte beschäftigt sich mit der niedrigen Impfquote im Tennis und hofft, dass Novak Djokovic seine Chance sieht, bei den Australian Open emotional wieder in die richtige Bahn zu gelangen. Der nächsten Generation um Sascha Zverev räumt Becker gute Aussichten ein, Djokovic schon in naher Zukunft von der Spitze der Weltrangliste zu stürzen und widerspricht damit auch Rafael Nadal, der zuletzt seine Sorgen um die Zukunft des Tennissports zu Ausdruck gebracht hatte. Diese Sorgen macht sich der sechsmalige Grand-Slam-Sieger eher über den Nachwuchs im eigenen Land. Hier sieht Becker auch strukturelle Probleme beim Deutschen Tennis Bund (DTB).
Unten finden Sie die Aussagen von Boris Becker zu den unterschiedlichen Themenkomplexen, die sie mit Quellnennung gerne in ihre Berichterstattung aufnehmen können. Über eine zusätzliche Rückverlinkung auf die Seite von eurosport.de würden wir uns freuen.
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Den kompletten Podcast mit Boris Becker gibt es zum Nachhören auf allen Podcast-Plattformen (z.B. Spotify).
Eurosport-Experte Boris Becker im Podcast "Das Gelbe vom Ball" über...
...die allgemeine Situation im Tennis: “So viel kann ich momentan im Tennis gar nicht kritisieren.”
...Alexander Zverev: “Die Viertelfinal-Niederlage in Indian Wells war überraschend. Es war bislang aber ein sehr starkes Jahr von Sascha mit der Krönung bei Olympia - auch die Leistungen von New York und Paris mit den Halbfinals waren sehr gut. Zverev hat seine Weltklasseleistung jetzt etabliert. Nun muss er in der Hallensaison mehr Punkte und Turniere gewinnen, um in die beste Position zu kommen, in der Saison 2022 voll auf die eins gehen zu können. Dazu braucht er einfach genügend Punkte - diese verdammten Punkte, ich habe sie früher auch immer gejagt! Es geht also darum, dass man, wenn die Saison im November endet, in der besten Position ist, vielleicht schon mit einem Sieg in Melbourne die neue Nummer eins zu werden.”
...die deutschen U25-Spieler: “Ich mache mir etwas Sorgen. Meine Rolle als Head of Men's Tennis habe ich ja aus zeitlichen Gründen abgegeben. Aber schon da hatte ich Frust. In diesen vier Jahren habe ich gemerkt, dass die Verbandsstrukturen im DTB sehr fest eingefahren sind. Da konnte auch ich wenig Großes verändern. Strukturveränderungen habe ich nicht geschafft, weil es irgendwo auch noch nicht gewollt war. Ich mache mir Sorgen um den deutschen Nachwuchs. Ich sehe von den Jüngeren keinen unter den Top 50 – aber das ist die Messlatte! Andere Länder machen uns vor, wie es besser sein kann. Zum Beispiel Italien - die haben ein besseres System. Wer davon auch ein Lied singen kann, ist der amerikanische Tennisverband. Auch die haben ein Problem, was den Nachwuchs angeht. Also ist Deutschland damit nicht alleine.“
Link zum Video: https://www.eurosport.de/tennis/das-gelbe-vom-ball-boris-becker-erklaert-warum-nach-alexander-zverev-wenig-nachkommt_vid1564418/video.shtml
...die Trainingsarbeit von Jugendlichen: “Es ist kein großes Geheimnis, dass man die Trainingsarbeit nicht unterschätzen darf. Jüngere Spieler vergessen oft, dass Federer, Djokovic und Nadal vor allem auch Trainingsweltmeister waren. Diese Leistung konnten sie dann im Match umsetzen. Das wurde alles tausend Mal wiederholt. Man muss sich als Jugendlicher mehr damit beschäftigen, Geduld haben und den Trainern mehr Vertrauen schenken.“
...die Zukunftssorgen von Rafael Nadal für den Tennissport: “Wenn Rafael Nadal sich zu Tennis äußert, dann müssen wir erstmal die Klappe halten und zuhören. Es gibt nicht viel Bessere als Nadal. Ich sehe schon eine Vielfalt – ob das Tsitsipas, Medvedev, Zverev, Sinner oder Alcaraz sind. Das sind alles unterschiedliche Spieler, da kann ich das Argument nicht ganz nachvollziehen, dass er sich Sorgen macht. Er muss sich Sorgen machen, weil wir auch von großen Tennispersönlichkeiten reden und von Rivalitäten. Da wurden wir lange verwöhnt von Federer, Djokovic und Nadal. Das war 15 Jahre unser tägliches Brot. Ich finde es nicht so tragisch, mir gefallen die jungen Spieler. Ich würde mir wünschen, dass man wieder mehr den Weg ans Netz sucht, dass auch der Rückhand-Slice eine größere Rolle spielt und die Spielpositionierung besser wird. Aber das werden sie lernen, weil sie dann einfach mehr gewinnen werden.“
Link zum Video: https://www.eurosport.de/tennis/das-gelbe-vom-ball-rafael-nadal-krisitiert-tennis-entwicklung-boris-becker-skeptisch_vid1564422/video.shtml
...die Persönlichkeiten der jungen Spieler: “Was ich mir mehr wünsche und was ich aber auch jetzt bei den US Open gesehen habe und als sehr positiv empfunden habe: Dass die jungen Spieler langsam zu Persönlichkeiten werden, dass sie den Mut zu einer eigenen Meinung haben und dass sie auch auf dem Platz nicht immer stromlinienförmig agieren. Und ja, wir haben uns lange über die Toilettenpause von Tsitsipas unterhalten, aber zumindest ist da etwas passiert, das nichts mit Rückhand-Cross zu tun hat. Ich finde schon, dass sich die jungen Spieler da entwickeln.“
...die nächste Generation im Herren-Tennis: “Ich glaube, die Wachablösung ist schon passiert. Wir haben zwar keine neue Nummer eins, das ist weiterhin Novak Djokovic. Aber Medvedev auf zwei, Tsitsipas auf drei, Zverev auf vier - das ist für mich schon eine Wachablösung. In den vergangenen zwei Jahren ist viel passiert, und es ist für mich eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis einer dieser drei etwas Jüngeren im nächsten Jahr irgendwann die Nummer eins wird. Es ist möglich. Es hängt natürlich immer noch von Djokovic ab, er ist der große Favorit - aber er wird nicht jünger.”
…die Wahrnehmung von Novak Djokovic: “Die Standing Ovations, die er während des Finals bekommen hat, taten ihm gut und sollten ihm auch klar machen, dass er im Herbst seiner Karriere auf dem Weg ist, geliebt zu werden. Ich glaube, Respekt haben alle für seine Leistung, aber jetzt empfindet man auch emotional für ihn. Es wird auch deswegen ein langer Herbst, weil ihm immer wieder klar wird, was er für eine riesige Chance da im Finale nicht genutzt hat. Das war emotional ein großes Problem für ihn. Ich hoffe, dass er bald wieder spielt. Ich glaube, wenn er wieder zur Tagesordnung übergeht und wieder Tennis und Turniere spielt, dann wird er wieder etwas klarer werden. Aber momentan wirkt er emotional noch sehr angegriffen.“
Link zum Video: https://www.eurosport.de/tennis/das-gelbe-vom-ball-boris-becker-ueber-image-von-novak-djokovic_vid1564415/video.shtml
...Djokovic bei den Australian Open 2022: “Ich hoffe, dass Novak klar bleibt und realisiert, dass er die riesige Chance hat, in Melbourne den 21. Grand-Slam-Titel zu erreichen. Er hat die Australian Open neunmal gewonnen - warum nicht auch zehnmal? Aber er muss sich dafür der Gesetzgebung der australischen Regierung unterwerfen, wie alle Menschen, die in Australien leben und arbeiten. Und das ist eben das Problem. Wir Tennisspieler sind Freigeister und lassen uns nicht gerne zu irgendwas zwingen. Aber Gesetze sind für alle gleich.“
...die niedrige Impfquote im Tennis: “Tennisspieler sind Einzelunternehmer, sie spielen für keine Mannschaft. Und Tennisspieler an sich - ich weiß, wovon ich spreche - sind Freigeister. Wir lassen uns ungern in irgendeine Schublade packen. Ich habe die Zahlen auch gehört, und es hat mich natürlich überrascht, wie viele Tennisspielerinnen und Tennisspieler nicht geimpft sind. Wenn man sich mal in der Welt umschaut, dann wird die Zahl der Geimpften immer höher – ich finde das positiv. Der Sportler muss sich an die eigene Nase packen und sagen: ‘Wenn ich meinen Sport weiter ausüben möchte, dann wird das auf kurz oder lang dazu führen, dass ich geimpft sein muss oder ich kann meinen Sport nicht ausüben.’“
Link zum Video: https://www.eurosport.de/tennis/das-gelbe-vom-ball-boris-becker-analysiert-die-niedrige-impfquote-im-profitennis_vid1564409/video.shtml
...Emma Raducanu: “Das ist schon alles sehr skurril, was die Trainersuche angeht. Erstmal kann ich natürlich Emma verstehen, dass sie nach ihrem grandiosen Erfolg bei den US Open den Einladungen zur MET Gala oder James-Bond-Premiere gefolgt ist. Da muss man einfach hin. Da zu sagen: ‘Nein, ich gehe jetzt erstmal noch eine Trainingseinheit machen.’ Das kann man da nicht erwarten. Aber die Konsequenz ist natürlich, dass der Fokus weggeht vom Trainingsplatz. Dafür hat sie die Rechnung bezahlt und ihr erstes Match in Indian Wells verloren. Das sind alles normale Zeichen. Es ist schwer genug als Teenager ein Grand Slam zu gewinnen, fast unmöglich. Viel schwerer ist es aber diese Form zu halten und wenn es geht, konstant jedes Jahr ein Turnier zu gewinnen. Es wäre wichtig für sie, dass sie einen erfahrenen Trainer hat, der schon mit anderen Weltklassespielerinnen trainiert hat. Das ist für mich der nächste Schritt, den sie braucht, um eine Konstanz in ihren Leistungen zu erreichen. Die wichtigste Frage ist jetzt für sie: Wer ist jetzt ihr Mentor, wer ist ihr Schutz?“
Link zum Video: https://www.eurosport.de/tennis/das-gelbe-vom-ball-boris-becker-raet-emma-raducanu-braucht-jetzt-erfahrenen-trainer_vid1564416/video.shtml
...Raducanu und Naomi Osaka: “Mein Mentor war Ion Tiriac. Er war sehr eng mit meinen Eltern verbunden, ich hatte einen sehr guten Schutz, der mich weiter in die Weltspitze geführt hat. Heute ist Ion Teil meiner Familie. Es ist wichtig für Emma Raducanu, dass der Trainer mit der Agentur und den Eltern eng zusammen arbeitet. Das schlechte Beispiel dazu ist Naomi Osaka. Sie hat unglaublich gut gespielt, Titel gewonnen und jetzt hat sie einen Burn-Out, weil sie vielleicht nicht genügend von ihrem Umfeld geschützt wurde. Das darf Emma Raducanu nicht passieren. Deswegen müssen die Entscheidungen jetzt sitzen. Der Mensch darf nicht auf der Strecke bleiben. Das ist ganz wichtig.“