Medieninfo | Boris Becker im Eurosport-Podcast "Das Gelbe vom Ball" über Zverev, Nadal, Murray, Djokovic und den Umgang mit Druck und Stress im Profisport
Alexander Zverev kämpft rund fünf Monate nach seinem Comeback weiter um den Anschluss an die Weltspitze. Ein Weg, auf dem der Olympiasieger gut beraten wäre, jeden Stein umzudrehen, wie Tennis-Legende Boris Becker im Eurosport-Podcast "Das Gelbe vom Ball" sagt. "Sascha muss an jeder Schraube drehen", so der 55-Jährige. Eine Herkulesaufgabe, die jetzt das ganze "Familienunternehmen" fordere.
Mit Moderator Matthias Stach blickt Becker zudem auf die schwierige Situation, die sich für einige der besten Tennisspieler der letzten Jahre vor den French Open präsentiert. Sehen wir Rafael Nadal zum letzten Mal in Paris? Wie ist der Stand der Vorbereitung bei Novak Djokovic? Und warum tut sich Andy Murray die Tingelei zu einem Challenger-Turnier an?
Außerdem sprechen Becker und Stach über die letzten Erfolge von Jan-Lennard Struff, darüber, wie Shootingstar Carlos Alcaraz das Tennis neu erfindet und warum Rivalitäten, wie es sie zuletzt bei den Damen mit den Duellen von Iga Swiatek und Aryna Sabalenka gegeben hat, wichtig für die Sportart sind.
Nachdem Amanda Anisimova ihr Burnout öffentlich gemacht hat, erklärt Becker zudem, in welches Refugium er sich zu aktiven Zeiten vor zu viel Druck und Öffentlichkeit zurückgezogen hat.
Unten finden Sie ausgewählte Zitate aus dem Podcast mit Boris Becker, die Sie mit Nennung der Quelle "Eurosport-Podcast 'Das Gelbe vom Ball'" gerne in Ihrer Berichterstattung verwenden können. Zudem würden wir uns über eine Rückverlinkung auf den kompletten Podcast freuen.
Eurosport-Experte Boris Becker im Podcast "Das Gelbe vom Ball" über...
...die Situation von Alexander Zverev: "Der Tennissport verändert sich alle 18 Monate. Das bedeutet, dass du dich entsprechend immer verbessern musst. Man hat den Eindruck, dass er sich nicht weiterentwickelt hat und die Gegner ganz genau wissen, wie sie gegen Sascha 2023 spielen müssen. Das ist ein Problem!"
...die derzeitige Perspektive für Zverev: "Der Blick geht jetzt nicht mehr zu den großen Dreien, Nadal, Djokovic und Federer. Sascha muss in den Rückspiegel schauen und er wird leider etwas überholt von den Jüngeren. Die werden in Zukunft um Grand Slams spielen. Das ist das Problem. Man hat in der Karriere ein Zeitfenster, in dem man die ersten Grand Slams gewinnen muss, denn die Konkurrenz schläft nicht. Bei Sascha ist das aus verschiedenen Gründen nicht passiert."
...dennoch positive Aussichten: "Das Wichtigste ist, dass der Fuß hält und er seinen Turnierplan so absolvieren kann, wie er sich das vorgenommen hat. Er kennt das ja, es ist nicht seine erste Verletzung. Er weiß, was zu tun ist, um besser zu spielen und wieder Turniere zu gewinnen. Er hat es nicht von heute auf morgen verlernt. Aber: Er muss an jeder Schraube drehen, um wieder den Erfolg von früher zu haben."
...Jan-Lennard Struff: "Als Lucky Loser ins Finale eines Masters-Turniers - das gab es noch nie. Das ist eine Geschichte, die man sonst nur aus Hollywood-Drehbüchern kennt. Er hat die richtige Einstellung zum Sport. Er hatte aufgrund einer längeren Verletzung seinen Weltranglistenplatz verloren, musste über die Dörfer tingeln - und macht das mit 33 Jahren aber auch. Dass Struff Power hat, dass Struff mutig ist, das wissen wir. Jetzt wird er von der Leine gelassen. Mit dieser Spielweise hätte er auch Alcaraz fast geschlagen - 3:6 im dritten Satz, das war ganz, ganz eng. Wenn er so weiter spielt, hat er auch in Paris eine Chance. Die Spielweise, die Struff an den Tag gelegt hat, gegen die möchte keiner spielen."
...Rafael Nadal: "Rafa ist kein Sportheld, sondern eine Ikone. Er hat den Tennissport maßgeblich verändert. Niemand hat jemals so Tennis gespielt wie Rafael Nadal - geschweige denn so erfolgreich. Ich kann mich noch erinnern, wie er mit seiner doch sehr kräftezehrenden Spielweise das erste Mal in Paris gewonnen hat. Da hieß es, diese Spielweise sei viel zu anstrengend, damit schafft er es auf Dauer nie. Ja, wir hatten alle Unrecht. Er hat uns eines Besseren belehrt. Er ist eine absolute Ikone des Sports."
...Carlos Alcaraz: "Wenn er gesund bleibt, ist er für die kommenden zehn Jahre immer ein Anwärter für einen Grand-Slam-Sieg."
...Novak Djokovic: "Das ist zur Zeit Business as usual. Er nutzt die Sandplatzturniere wirklich, um für Roland-Garros in Form zu kommen. Er macht sich da keine Sorgen. Ich glaube, dass er auf den Punkt genau in Paris kraftvoll zuschlagen wird. Ich wünsche ihm viel Glück dabei, seinen Traum, sein Ziel zu verwirklichen, der Erfolgreichste aller Zeiten zu werden."
...Andy Murray und die Leidensfähigkeit bei den jüngeren Spielern: "Dass diese großen Stars noch spielen, ist nicht das Geld, das haben sie. Es ist einfach die Liebe zum Spiel. Sie wissen, dass sie Matchpraxis brauchen, um sich weiterzuentwickeln und besser zu werden. Das sehe ich bei den Jüngeren nicht immer. Da sehe ich viele Matches, wo ich mich fragen, warum sie überhaupt spielen. Da fehlt mir die Leidenschaft, aber auch die Leidensfähigkeit - was man bei Stan Wawrinka oder Andy Murray nicht behaupten kann. Die lassen immer die Seele auf dem Platz und spielen Tennis aus den richtigen Gründen."
...den Umgang mit psychischen Problemen im Profisport: "Durch die größere Öffentlichkeit zum Beispiel durch die sozialen Medien kommt es auch zu mehr Aufmerksamkeit und weniger Privatsphäre. Irgendwann sagen Kopf und Herz dann 'Ich mach eine Pause' - und das ist richtig so, denn zuerst ist man Mensch und nicht Sportler. Bevor man Unsinn macht, sollte man lieber kurz mit dem Tennis aufhören und sich wieder auf die Prioritäten des Lebens besinnen. Auch in den 80er/90er-Jahren gab es Druck und Ziele, die man am besten jedes Jahr erreichen sollte. Ich hatte ein Refugium, das hieß Elternhaus. Ich konnte nach Leimen kommen und Vater war vor allem mein Vater und nicht mein Manager, Trainer oder sonst wie. Und meine Mutter war halt meine Mutter und nicht in meinem Umfeld beruflich aktiv. So konnte ich entspannen, erholen und mal die Seele baumeln lassen. Dazu hatte ich einen sehr guten Mentor namens Ion Tiriac, der mir auch immer Auszeiten gegeben hat. Am Ende wollen wir alle Wimbledon gewinnen, aber das Leben ist wichtiger als der Wimbledonsieg und länger als unsere sportliche Karriere. Ich hatte einfach ein guten familiäres und berufliches Umfeld, in dem ich Mensch sein durfte."
Den kompletten Podcast finden Sie hier. Einen Artikel zur Situation von Alexander Zverev mit den Stimmen von Boris Becker finden Sie auf eurosport.de.