Nächster Schritt für Zverev, Sorgen um Nadal und Federer und Chancen für Kerber: Boris Becker exklusiv im Eurosport-Tennis-Podcast "Das Gelbe vom Ball"
- Becker: "Zverev hat sich freigespielt von dem ganzen Druck"
- Becker: "Sorgen machen, um die Gesundheit von Rafael Nadal"
- Becker verteidigt Djokovic: "Würde sein Land nie im Stich lassen"
- Becker: "Halte ganz große Stücke auf Angie"
26. August 2021 - Im Eurosport-Tennis-Podcast "Das Gelbe vom Ball" sprach Matthias Stach mit Eurosport-Experte Boris Becker über die am Montag in New York beginnenden US Open. Das Duo nahm dabei nicht nur die Aussichten auf ein gutes Abschneiden von Angelique Kerber und Alexander Zverev unter die Lupe, sondern beleuchtete auch die Lage der "Großen Drei" im Herren-Tennis, von denen aktuell nur Novak Djokovic als "letzter Mohikaner" übrig ist, warf einen Blick auf Situation von Titelverteidigerin Naomi Osaka und kümmerte sich neben der Favoritenfrage auch um die Umverteilung der Preisgelder sowie den "gewagten Schritt", die Tribünen trotz Corona wieder komplett zu füllen.
Unten finden Sie die Aussagen von Boris Becker zu den unterschiedlichen Themenkomplexen, die sie mit Quellnennung gerne in ihre Berichterstattung aufnehmen können. Über eine zusätzliche Rückverlinkung auf die Seite von eurosport.de würden wir uns freuen.
Einige der Aussagen finden Sie unten zudem als Video. Auch diese Videos können Sie gerne als Ergänzung oder Erweiterung in ihrer Online-Berichterstattung verwenden. Über den Share-Button oben rechts finden Sie ein Popup, das mit einem Klick einen Embed-Code zum Einbetten des Videos auf Ihrer Webseite zur Verfügung stellt. Je nach Darstellung im Newsletter kann auch einfach der angezeigte iFrame-Code kopiert und verwendet werden.
Den kompletten Podcast mit Boris Becker gibt es zum Nachhören auf allen Podcast-Plattformen (z.B. Spotify).
Boris Becker über…
... die Entwicklung von Alexander Zverev während und nach den Olympischen Spielen: “Er hat eigentlich so gespielt, wie wir uns das immer wünschen: offensiv. Das heißt nicht, dass er dauernd ans Netz muss, sondern dass er dann durchzieht, wenn er die Chance hat. Die Vorhand war aggressiv, der Aufschlag war unglaublich gut. Da ist irgendwas mit ihm psychologisch passiert. Er hat sich freigespielt von dem ganzen Druck, der auf ihm gelastet hat, den er sich selbst gemacht hat, den er vielleicht von der Öffentlichkeit spürt, den er vielleicht von der Familie gespürt hat. Ich habe ihn vielleicht noch nie so gut Tennis spielen sehen. Das gilt auch für die Einstellung - er war einen Satz und ein Break gegen den sozusagen Unbesiegbaren, gegen Novak Djokovic, hinten. Und dann spielt er wie entfesselt los. Das fängt eben vor allem im Kopf an, mit der Einstellung, dass man gut mit dem Druck umgehen kann - und das hat er gezeigt. Langsam rutscht er wirklich in die Rolle eines sehr großen Spielers, eines Champions. So spielt er momentan. Wie er in Cincinnati gespielt hat, wie er da gewonnen hat - jedes Match mit Ausnahme des Halbfinales in zwei Sätzen – das war ein Riesenschritt nach vorne!"
... die neue Lust am Gewinnen von Angelique Kerber: "Durch den Sieg in Bad Homburg hat sie auch wieder Lust am Gewinnen bekommen. Sie hat in Wimbledon ein hervorragendes Match im Halbfinale gegen die spätere Siegerin Ash Barty gespielt. Da war auch ein Grand-Slam-Sieg möglich. Wenn man mal so ein Champion war, verliert man das nicht, das hat man im Blut. Und wenn man dann wieder am ganz großen Sieg riecht, will man das erreichen und ist sich auch in den Trainingseinheiten nicht zu schade, macht vielleicht etwas mehr als noch vor einem Jahr. Es hilft natürlich, dass ihr Lieblingstrainer Torben Beltz erneut an ihrer Seite ist - das sind die oft beschriebenen fünf bis zehn Prozent, die zwischen Sieg und Niederlage liegen. Die hat sie nun. Ihr Umfeld ist wieder intakt, das Selbstbewusstsein ist da. Ich halte sie für eine der Favoritinnen bei den US Open. Sie hat nichts mehr zu verlieren. Sie hat aus einem durchschnittlichen Jahr ein gutes bis sehr gutes gemacht und jetzt die Chance, vielleicht noch einmal ein Grand-Slam-Finale zu spielen. Ich halte ganz große Stücke auf Angie."
... Novak Djokovic bei den Olympischen Spielen: “Man hat schon gesehen, dass Novak bei den Olympischen Spielen in Tokio mental wirklich sehr angeschlagen war. Er hat zwar teilweise sehr gut gespielt, aber ich habe gesehen, dass er doch an der Grenze seiner psychischen Belastung war - und als er gegen Sascha verloren hat, ist er dann auch wirklich ausgetickt.”
... Novak Djokovic und den möglichen Grand Slam: “Den Grand Slam zu gewinnen, ist die schwierigste Aufgabe im Tennis überhaupt. Hätte er nun einfach weitergespielt, wäre ihm in der zweiten Woche in New York wohl die Kraft ausgegangen. Es ist keine optimale Vorbereitung, er spielt immer ein Hartplatzturnier vorher, aber dieses Jahr ist es ein bisschen anders. Novak hat auch Paris gewonnen und direkt davor ein Turnier gespielt, was er noch nie gemacht hat. Wimbledon hat er dann ohne Vorbereitungsturnier gespielt und ebenfalls gewonnen. Dieses Jahr ist alles anders als sonst und vielleicht passt das in seinen Plan. Aber er brauchte eine Pause, um sich vor allem von den mentalen Strapazen des Jahres zu erholen.“
... Djokovic’ Absage des Bronze-Matches im Mixed bei Olympia: “Klar, sind die Kritiker dann gleich wieder los und haben gesagt: ‘Wie kann er hier sein Land im Stich lassen?’ Also Novak macht vieles, nur sein Land würde er nie im Stich lassen. Er war psychisch und physisch nicht mehr in der Lage weiterzuspielen. Natürlich kamen die Kritiker, aber das ist die Kehrseite seines Ruhms. Er wird deutlich mehr kritisiert als fast alle anderen Tennisspieler. Das ist ein Preis, den er schon seit Langem zahlen muss.“
... Rafael Nadals körperliche Fitness: “Man muss sich Sorgen machen, um die Gesundheit von Rafael Nadal. Er ist ein sehr physischer Spieler und muss sehr viel trainieren. Die Matches dauern, auch wenn sie dann sehr oft in zwei Sätzen glatt gewonnen werden, immer anderthalb oder zwei Stunden, weil die Rallyes so lange gehen. Deswegen kommt er körperlich immer an seine Grenzen. Und wenn Nadal einen Schritt langsamer ist oder nicht zwanzig Mal links-rechts laufen kann, dann fühlt er sich nicht stark genug. Die Zeit bleibt für ihn nicht stehen. Die Pause braucht er - die wird im gut tun.”
... Federer, Nadal und das nahende Ende der großen Drei: “Wir haben immer über den Wechsel der Generationen gesprochen darüber, wie lange es die großen Drei noch schaffen. Aus den großen Drei ist jetzt der letzte Mohikaner geworden. Das ist Novak Djokovic, der ein unfassbares Jahr hat. Roger hat die Saison nach der dritten Operation am gleichen Knie beendet. Mit 40 Jahren dauert die Regeneration noch länger. Ob er noch einmal auf die Tour zurückkommt, ist wirklich mit einem großen Fragezeichen behaftet. Nur er hat die Antwort, nur er hat die Lösung. Ich wünsche ihm vor allem, dass er wieder gesund wird. Das ist das Wichtigste. Der Rest seines Lebens liegt noch vor ihm, und ob er wieder Tennis spielt oder nicht, ist fast sekundär. Er hat schon so viel gewonnen und muss niemandem mehr etwas beweisen. Auch die Nadal-Fans müssen sich langsam mit der Idee anfreunden, dass Rafa nicht ewig spielen wird. Du wirst im Training leider nicht fit fürs Match, du musst dich wieder stellen - und das birgt das Risiko, dass du dich wieder verletzen kannst. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen der Matchpraxis vor meinem wichtigsten Turnier und der Anzahl der benötigten Trainingseinheiten. Die Big 3 machen das seit zehn oder 15 Jahren und wissen, was zu tun ist, aber das ist alles deutlich schwieriger jenseits der 30, jenseits der 35. Nadal und Federer haben jetzt das gleiche Problem.“
... die Verletzung von Dominic Thiem: “Für einen Tennisspieler ist es die schlimmste Verletzung. Du kannst ein lädiertes Bein ein bisschen covern, aber wenn dein rechtes Handgelenk als Rechtshänder verletzt ist, spürst du das bei jedem Schlag. Und Dominic schlägt besonders hart, insofern ist das äußerst sensibel und dauert unglaublich lange bis du da wieder fit bist. Die Prognosen sind insgesamt gut, er wird irgendwann wieder fit sein, aber die Frage ist wann.”
... die Favoritinnen für die US Open: “Natürlich würde ich sagen Ash Barty, aber die ist auch irgendwann mal müde. Sie hat Olympia gespielt, dann Cincinnati - das ist alles sehr anstrengend. Angie war nach Wimbledon noch einmal zu Hause, konnte auftanken und hat Olympia nicht gespielt. Sie ist noch fit wie ein Turnschuh. Insofern sehe ich große Chancen für Kerber. Ich würde auch einen Champion nie unterschätzen. Wenn Naomi Osaka wieder in Form und ihren Tunnel kommt und sich wieder nur auf Tennis konzentrieren kann, dann kann sie erneut gewinnen. Die erste Woche ist für sie entscheidend, denn dort wird sie wieder mit den bekannten Fragen konfrontiert - wie in den vergangenen Wochen und Monaten auch.“
... die Situation um Naomi Osaka: “Nicht nur ich, sondern die ganze Welt, verfolgt sie jetzt auf Schritt und Tritt. Ich weiß nicht, ob sie das will, aber aufgrund ihrer Aussagen in Paris hat man sich Sorgen gemacht. Bei den Olympischen Spielen in Japan hat sie die große Ehre gehabt, das olympische Feuer entfachen zu dürfen. In der 2. Runde hat Osaka dann glatt verloren, wie nun auch in Cincinnati. Also irgendwas läuft nicht rund, irgendwas stört sie, irgendwas passiert gerade mit ihr. Ich persönlich wünsche ihr erst einmal alles Gute, dass sie ihre Nerven wieder in den Griff bekommt. Tennis kommt dann irgendwann auch. Aber das Gefühl, dass sie wieder Spaß am Leben hat und Spaß am Tennisspielen, das ist das Wichtigste. Nur: Das sehe ich noch nicht bei ihr. Jetzt stehen die US Open vor der Tür. Osaka hat auch mit amerikanischen Firmen große Werbeverträge, daher muss sie dort quasi spielen. Ob es für ihren Gesundheitszustand das Beste ist, wage ich aber zu bezweifeln.“
... die Favoriten für die US Open: “Er ist die Nummer eins der Welt und dreifacher Grand-Slam-Sieger dieses Jahr. Also wenn Novak Djokovic jetzt nicht Favorit ist beim Turnier, wer soll es denn dann sein? Ja, er hat kein Hartplatzturnier vorher gespielt, aber er ist ein sehr erfahrener Spieler und kennt seinen Körper am besten. Was das Sportliche angeht, sind da einige Spieler, die mir sehr gut gefallen. Ein Deutscher mit dem Namen Alexander Zverev zum Beispiel steht für mich ganz weit oben. Dann natürlich Stefanos Tsitsipas, der auch an die Tür klopft - und der wunderbare Daniil Medvedev. Es ist eine Freude, ihm zuzuschauen. Man weiß nie genau, was passiert - und ich glaube, er weiß selber nicht, was kommt. Djokovic ist mein Topfavorit. An zweiter Stelle kommt für mich Zverev, Medvedev an drei und Tsitsipas an vier, was die Favoritenrolle angeht.”
... volle Zuschauerränge trotz Corona: “Die Delta-Variante beschäftigt Amerika ganz schön. Und jetzt sollen die US Open von Anfang an frei sein für alle. Ich halte das für einen Spagat. Hoffentlich geht es gut. Es ist ein gewagter Schritt.“
... die Umschichtung des Preisgeldes: “Das war eine sehr gute Entscheidung, um viele Tennisspieler am Leben zu halten. Wir sprechen immer über die Topverdiener, aber das ist nicht die Norm. Die Norm verdient deutlich weniger. Gerade die Grand Slams sind wichtig für extrem viele Spieler. Wenn sie dort im Einzel, Doppel und auch im Mixed spielen, können sie von diesem Geld die nächsten Monate gut leben und ihr Umfeld bezahlen. Insofern ist es eine hervorragende Entscheidung für den Tennissport.“
Eurosport überträgt die US Open 2021 vom 30. August bis 12. September täglich live im Free-TV bei Eurosport 1 sowie bei Eurosport 2 und alle Matches des Turniers auf seinen digitalen Plattformen. Bei Eurosport mit Joyn PLUS+ sind alle Partien live und on demand verfügbar. Hier haben die Zuschauer:innen die freie Wahl und können zwischen den Livestreams aller Courts nach Belieben hin und her wechseln.